In der Selbstständigkeit kann ich am meisten bewirken

"Mein Grund zur Selbstständigkeit ist, dass ich auf diese Weise, glaube ich, am meisten bewirken kann."

Ich bin Josefine und habe schon frühzeitig zu meinem Beruf als Maßschneiderin gefunden. Oder besser gesagt, er hat mich gefunden. Nicht, weil meine Mutter Maßschneiderin ist, und auch nicht, weil ich mit 6 Jahren mein erstes Kleid nähte und mit 13 schon eine eigene Nähmaschine bekam und von da an leidenschaftlich aus alter Kleidung etwas Neues kreierte. Denn zunächst wollte ich nach dem Abitur studieren. Die Wahl fiel damals auf Bühnen- und Kostümbild. Dafür benötigte ich ein halbes Jahr Praktikum am Theater und merkte schnell, dass ich lieber handwerklich tätig bin und mich der Beruf Kostümdesignerin weniger anspricht. So entschied ich mich zur Ausbildung zur Damenmaßschneiderin, schloss den Meister direkt an, weil ich unbedingt mein Wissen weiter vertiefen wollte. Damals war es nicht einfach, eine Stelle als Maßschneiderin zu bekommen und so startete ich im Alter von 22 Jahren bereits meine Selbstständigkeit im Nebenberuf. 

Meine zweite Ausbildung zur Identity Stylistin ist noch gar nicht lange her, jedoch hat mich das Thema auch schon von Kindesbeinen an begleitet. Eins meiner Lieblingsspiele war es, Dinge nach Farben zu sortieren. Die Mutter meiner besten Freundin war Farb- und Stil Beraterin und mich hat das Thema einfach brennend interessiert. Sehr lange bin ich um die Ausbildungsmöglichkeiten „herum geschlichen“, bis ich mir nach dem zweiten Kind endlich ein Herz gefasst habe und selbst eine solche Beratung genossen habe und dann, Stück für Stück der Wunsch gewachsen ist, das selbst zu lernen und vielen anderen Menschen damit zu helfen, sich sichtbar zu machen.

Worum geht es in deinem Projekt oder deiner Idee – und was macht sie besonders?

Ich glaube an das Gute im Menschen und möchte nicht mehr und nicht weniger, als unsere Welt ein kleines Stückchen liebenswerter zu machen und zum Erhalt unserer Natur einen Beitrag leisten. 

Wie kann eine Schneiderin das tun? 

Genau, indem sie Menschen hilft, keine Fast Fashion kaufen zu müssen, um gut auszusehen. 

-> Maßschneiderei, Reparaturen, Kleidertauschpartys, Workshops, das Farb- und Stil Coaching, Personal Shopping uvm. dienen genau diesem Ziel. 

Ich bin überzeugt: Ein Kleidungsstück, das durch meine Hände gegangen ist, wird wertgeschätzt und nicht achtlos nach einer Saison in den Container geworfen.

Außerdem möchte ich durch mein Farb- und Stil Coaching bewirken, dass Menschen sich selbst besser erkennen können und ein Verständnis dafür entwickeln, dass es unterschiedlichste Charaktere auf dieser Welt gibt- und das ist gut so, denn alle haben ihre Daseinsberechtigung.

Wie bist du auf deine Idee gekommen? Gab es einen Moment oder eine Erfahrung, die den Anstoß gegeben hat?

Die Schneiderei ist ja sozusagen einfach so „gewachsen“. Der Nachhaltigkeitsaspekt war mir schon sehr früh wichtig. Spätestens, als ich in der Berufsschule etwas über die Ausbeutung in der Textilindustrie lernte, vertiefte ich mich immer mehr in das Thema, veranstaltete Kleidertauschpartys und holte meine Freundinnen mit ins Boot. 

Dann hatte ich ja nach dem zweiten Kind meine eigene Farb- und Stil Erfahrung und das hat mich zu so vielen Dingen ermutigt, einfach nur, weil ich wusste, welche starken Stilpersönlichkeitsanteile in mir stecken und wie ich sie sprichwörtlich „anziehen“ kann. Das war sozusagen DIE Erfahrung schlechthin für mich, die meine ganze Tätigkeit jetzt so viel tiefgründiger macht, als ich mir je hätte träumen lassen.

Wo stehst du gerade mit deiner Gründung – am Anfang, mitten im Prozess oder schon mittendrin?

Da es mein Unternehmen ja schon seit 2013 gibt, habe ich natürlich schon einige Erfahrungen gesammelt, aber da es nur nebenberuflich war, fühlt es sich trotzdem wie eine Neugründung an. Natürlich habe ich den Vorteil, dass ich bereits einen Businessplan habe und mir viele Gedanken zur Zielgruppe etc. gemacht habe und persönlich schon etwas gewachsen bin in dieser Zeit.

Warum möchtest du selbstständig arbeiten? Was war für dich der ausschlaggebende Impuls, diesen Weg einzuschlagen?

Mein Grund zur Selbstständigkeit ist, dass ich auf diese Weise, glaube ich, am meisten bewirken kann. Jedenfalls habe ich noch nicht die Stelle gefunden, die meine Fähigkeiten so gut mit meinen Werten kombiniert, wie in meinem Unternehmen.

Wie gelingt es dir, Familie und Gründung unter einen Hut zu bringen? Hast du Routinen oder kleine „Hacks“, die dir dabei helfen?

Nein, es gelingt mir nicht gut, Familie und Gründung unter einen Hut zu bringen. Allerdings kann ich sagen, dass es aus meiner Sicht ein Segen ist, getrennt erziehend zu sein, denn so kann ich mit festen Tagen rechnen, an denen ich ohne Zwischenfälle arbeiten kann. Was an den übrigen Tagen wird, an denen meine Kinder bei mir sind, ist dann immer etwas Überraschung. :-D

Was bedeutet es für dich, Teil von Business, Baby! zu sein – welche Unterstützung oder Impulse sind dir besonders wichtig?

Für mich sind der Austausch, die Unterstützung und Vernetzung mit anderen Gründerinnen besonders wichtig, sowie das Mentoring im 1:1. Das ist wirklich wertvoll und hilft mir, dran zu bleiben und immer wieder zu schauen, wo ich noch hinschauen muss, auch wenn ich gern noch länger wegschauen würde.

Wo möchtest du am Ende des Programms stehen? Was wäre für dich ein persönlicher Erfolg?

Wenn ich in meinen neuen Atelierräumen eine gute Infrastruktur aufgebaut habe und es geschafft habe, sichtbarer zu werden, sodass die Auftragsbücher gut gefüllt sind.

Gibt es noch etwas, das du anderen Gründerinnen oder Müttern mitgeben möchtest?

Denkt immer wieder daran, wie besonders ihr seid und kennt euren Wert! 

Besuch Josefine in ihrem Atelier: www.josefinerudolph.com

Fotos von Virginie Holzner