„Wenn das Leben Kopf steht, bin ich da" – Susy Schmuhl und der Weg zur Sterbeamme

Als Susann Schmuhl im ersten Durchgang von Business, Baby! dabei war, ahnte niemand, sie selbst eingeschlossen, wohin ihre Reise führen würde. Inzwischen läuft der vierte Jahrgang des Programms, und in den Jahren dazwischen ist in Susys Leben und Arbeit viel passiert. Sie hat sich zur Lebens- und Sterbeamme ausbilden lassen, eine eigene Praxis in Dresden-Leuben eröffnet und ist heute die einzige zertifizierte Lebens- und Sterbeamme in Dresden. Und als wäre das nicht genug, plant sie für den 31. Oktober 2026 die erste Messe in Dresden, die Leben und Tob thematisiert.
Wir haben mit ihr gesprochen über ihren ungewöhnlichen Berufsweg, ein gesellschaftliches Tabu und darüber, warum ein schöner Abschied möglich ist.
Susy, Schreibkurse zur Selbstfindung, Sterbeamme, Messegründerin – das klingt nach einem langen Weg. Wie hängt das alles für dich zusammen?
Bei meiner Gründung ging es darum, einen Weg aus einer Lebenskrise zu finden – ob in einer Gemeinschaft oder in der Einzelbegleitung. Mehr und mehr hat sich das Thema dann spezialisiert auf das Ende des Lebens, und ich begann die Ausbildung zur Lebens- und Sterbeamme. Menschen mit schweren Diagnosen, die im Sterben liegen oder Trauer tragen, befinden sich oft in tiefen Lebenskrisen. Bis heute begleite ich aber auch Menschen in Krisen ganz ohne konkreten Sterbe- oder Trauerfall. Und genau das mischt sich in meinen Gruppenangeboten.
Die Messe war der nächste logische Schritt. Der Tod macht Angst, wir schieben ihn weg – und genau das macht es Menschen, bei denen er das Leben auf den Kopf gestellt hat, noch schwerer. Sie sind damit allein. Die Messe soll dazu einladen, sich ganz ohne Angst mit dem Thema zu beschäftigen. Der Tod steht dem Leben auf Augenhöhe gegenüber – genauso wie es sein sollte.
Was hat dich dazu gebracht, dich zur Sterbeamme ausbilden zu lassen? Gab es einen konkreten Moment?
Im Prinzip war es ein logischer nächster Schritt. Ich habe sehr jung meine Großmutter verloren und sie in ihrem Sterben begleitet. Sie war für mich eine elterliche Bezugsperson. Seltsamerweise habe ich damals instinktiv schon vieles getan, was ich später in der Ausbildung gelernt habe.
Bei Business, Baby! begegnete mir eine Doula, und ich fragte sie, ob sie auch Menschen im Sterben begleitet. Sie meinte, nur Mütter und Kinder. Ich begann zu recherchieren, fand das Konzept der Death Doula in den USA – und wollte etwas Handfestes. So fand ich Claudia und die Sterbeammenakademie. Knapp zweieinhalb Jahre dauerte die Ausbildung. Auf diesem Weg habe ich immer klarer gesehen: Ich will mit ganzem Herzen die Hebamme fürs Lebensende sein.
Wie hat Business, Baby! deinen Weg beeinflusst?
Ich bin dem Programm sehr dankbar. Ich hatte eine wundervolle Mentorin: Stephanie Oppitz war für mich eine ganz wichtige Begleiterin. Ohne sie würde ich heute vermutlich nicht dort stehen, wo ich stehe. Auch die Workshops haben mir sehr geholfen, mein junges Unternehmen weiterzuformen. Und das Gespräch mit der Doula im Programm war vielleicht der Funke, der alles in Bewegung gesetzt hat. Am Anfang hätte ich nie geahnt, dass ich am Ende eine Praxis miete und mitten im Programm mit der Sterbeammenausbildung beginne.
Der Tod ist in unserer Gesellschaft oft noch ein Tabu. Wie begegnen dir Menschen, wenn du erzählst, was du machst?
Ganz unterschiedlich. Viele wechseln das Thema – es ist ihnen unangenehm. Dann gibt es Neugierige. Fachkräfte aus der Pflege sind fast immer offen, wir finden schnell eine gemeinsame Gesprächsgrundlage. Und dann gibt es Menschen, die schon durch etwas hindurchgegangen sind und sofort sagen: „Dich hätte ich vor x Jahren gebraucht!" – und dann erzählen sie ihre Geschichte.
Immer wieder erlebe ich Zustimmung. Die meisten Menschen sehen den Bedarf und die Notwendigkeit. Sie haben nur noch nie davon gehört.
Für alle, die noch nie davon gehört haben: Was macht eine Lebens- und Sterbeamme konkret?
Wir sind im Grunde die Hebamme für die andere Seite. Wir begleiten von der Diagnose bis zur Trauerbewältigung – Betroffene, Zugehörige, Fachkräfte. Und natürlich auch andere schwere Lebenskrisen. Wir kommen immer dann ins Spiel, wenn der Sinn des Lebens verloren geht oder zumindest angekratzt ist.
Viele denken: Ich sitze am Bett und halte die Hand von Sterbenden. Das tue ich manchmal auch – aber das ist nicht der Kern. Es geht eher darum, Zugehörige zu befähigen, das selbst zu tun, während ich Sicherheit gebe, Dinge abnehme und Raum für Möglichkeiten öffne. Manchmal sind es organisatorische Dinge: Telefonate mit Einrichtungen, Bestattern, Friedhöfen. Ich begleite zu Arztterminen, halte Abschiedsreden, plane besondere Abschiedsfeiern. Es gibt aber auch Menschen, die erst in ihrer Trauer zu mir kommen – dann geht es darum, wie eine neue Verbindung aussehen kann und wie der neue Alltag sich anfühlen könnte.
Ich begleite auch Sternenkindgeburten bis zur 12. SSW. Oftmals haben die Mütter dabei noch keine Hebamme und sind nicht selten allein mit dem Verlust. Das ist eine Zeit, in der Begleitung absolut notwendig ist.
Kurzum: Wenn das Leben Kopf steht, bin ich da – mit dem, was gerade gebraucht wird.
Was soll ein Mensch mitnehmen, der am 31. Oktober die Anima et Mors betritt?
Die Messe lädt dazu ein, sich mit dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen. Was ist eigentlich lebenswert? Wir wollen unser Leben selbstbestimmt leben – und am Ende wollen wir diese Selbstbestimmung nicht abgeben.
Es gibt ein buntes Programm für Jung und Alt: Ziegen auf dem Friedhof, Lesungen, tolle Aussteller, kurze Vorträge, Kunst. Ein Sarg wird live bemalt, eine Künstlerin bringt farbenfrohe Bilder aus dem Leben mit. Für Kinder gibt es eine Schnitzeljagd, für Erwachsene eine „Sinnsuche". Leben und Tod begegnen sich auf Augenhöhe – ohne Angst zu machen, sondern ganz natürlich und selbstverständlich.
Und wenn man sich gerade ein schönes Schmuckstück gekauft hat – warum dann nicht kurz den Bestatter etwas fragen?
Was hat dich auf diesem Weg am meisten überrascht?
Wie sehr der Tod verdrängt, gemieden und schnell wieder unter den Teppich gekehrt wird. Auch bei meiner Messe steht das Leben im Namen – und trotzdem sagen viele: „Das ist doch eine Sterbemesse!" (Spoiler: Ist es nicht!)
Genau dieses Tabu macht es Betroffenen so schwer. Aber wenn ich Menschen im Abschied begleite und die Tür zu den Möglichkeiten öffne, werden sie kreativ und mutig. Ganz oft höre ich: „Das war so ein schöner Abschied." Und genau das darf es sein. Bei allem Schmerz darf der Abschied schön sein. Das ist auch ein guter Start in die Trauer.
Was würdest du Frauen mitgeben, die merken, dass ihre Idee sie in eine ganz unerwartete Richtung zieht?
Folge deinem Bauchgefühl – auch wenn es dir Angst macht oder andere sagen, dass es Quatsch ist. Glaub an dich und deinen Weg, wie ungewöhnlich er auch sein mag.
♡
Am 31. Oktober öffnet die Messe "anima et mors" ihre Tore auf dem Trinitatisfriedhof in Dresden. Jetzt anmelden: anima-et-mors.de
Alle Angebote von Susy: https://www.anima-pluma.de